|
Leseprobe
"Familienbande"
Anders, als es in früheren Generationen der Fall gewesen sein mag, ist man heutzutage weniger aufeinander angewiesen; die wechselseitigen Bindungen sind lockerer geworden. Jedenfalls kann nur noch bedingt die Rede davon sein, dass die Familie die Keimzelle der Gesellschaft darstellt; wenn überhaupt, gilt dies nur für die ersten Lebensjahre. Das hat möglicherweise mehr Vor- als Nachteile: die familiären Herrschaftsformen, vor allem in Gestalt der Autorität des Vaters, lösen sich allmählich auf. Vielleicht werden sie auch nur subtiler, denn Abhängigkeitsverhältnisse existieren nach wie vor, unterliegen aber natürlich einem allgemeinen Kulturwandel. Die Freiheitsspielräume haben – innerhalb nach wie vor existierender Klassenschranken – zugenommen. Während die Lebenswege früher mehr oder weniger festgelegt waren, müssen sich die Jüngeren heute oft zwischen mehreren Optionen entscheiden, was bekanntermaßen auch nicht immer einfach ist.
Schaue ich auf unsere Familie, lässt sich dieser Wandel ganz gut illustrieren. Die Großeltern- und Elterngeneration kam aus kleinen Verhältnissen. Sie erlebten zwei Weltkriege und die schwierigen Nachkriegszeiten. Sie hatten kaum eine Möglichkeit, aus den einmal gegebenen Verhältnissen auszubrechen.
Gemessen daran hatten wir es leichter. Wir wuchsen in der Nachkriegszeit auf; durchaus mit den damit verbundenen Nöten und Einschränkungen. Aber bereits gegen Ende der fünfziger Jahre besserten sich die Verhältnisse.
Ich profitierte dann bereits von den Bildungsreformen und konnte nach der Lehre immerhin das Abitur nachholen; während der jüngste Bruder als erster das Abitur auf dem normalen Bildungsweg machte. Wir waren dann auch diejenigen, die normal studieren konnten, während die älteren Brüder, die es in jeder Hinsicht schwerer hatten als wir, sich ihr Ingenieurstudium selbst verdienen mussten. Das sind schon gravierende Unterschiede, die auch darauf verweisen, welche Rolle die Bildung gerade für Leute unserer Herkunft spielte: Sie war der entscheidende Indikator für den jeweiligen Lebensweg; man kann auch sagen: nur über Bildung gelang es, die Klassenschranken ein stückweit zu überwinden. Man kann auch sagen: die Klassenstruktur der Gesellschaft ist weiterhin existent; sie ist nur ein wenig durchlässiger geworden. Auch das zeigt sich am Beispiel unserer Familie.
<< Zurück
|